Von der Abhängigkeit zur Autonomie: Warum Österreich das Rückgrat der europäischen Arzneimittelversorgung werden muss
Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind auch in Österreich Realität, bedeuten jedoch nicht automatisch einen Versorgungsengpass. Trotz bestehender Einschränkungen gelingt es in den meisten Fällen weiterhin, die Versorgung der Patientinnen und Patienten sicherzustellen. Engpässe sind dennoch vorhanden und stellen für Apotheken, Großhandel und Hersteller einen zunehmenden organisatorischen Aufwand dar. Als General Manager der Complex Pharmaceuticals GmbH, sehe ich es als unsere Aufgabe, die Diskussion von der reinen Symptombekämpfung hin zu einer echten strukturellen Lösung zu führen: der Rückgewinnung der europäischen Versorgungssouveränität.
Die Architektur der Abhängigkeit
Eine Verbesserung der Liefersituation wurde durch die seit April 2025 geltende verpflichtende Einlagerung ausgewählter Arzneimittel erreicht. Für definierte Produkte müssen seither Mindestbestände gehalten werden, wodurch bestimmte Arzneimittel deutlich verlässlicher verfügbar geworden sind. Die Vorratshaltung stellt jedoch in erster Linie einen mittelfristigen Lösungsansatz dar und kann strukturelle Ursachen von Lieferengpässen nicht ersetzen.
Ein wesentlicher Grund für die zunehmenden Engpässe liegt im anhaltenden Preisdruck auf pharmazeutische Hersteller. In den vergangenen Jahren wurden Produktionskapazitäten verstärkt in Niedrigkostenregionen verlagert, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Diese Entwicklung hat zu längeren und anfälligeren Lieferketten geführt, die heute wesentlich sensibler auf Störungen reagieren.
Auch die verpflichtende Vorratshaltung ist von funktionierenden Lieferketten abhängig. Die tatsächliche Verfügbarkeit eingelagerten Materials hängt davon ab, ob Herstellung, sekundäre Verarbeitung, Logistik sowie regulatorische Anforderungen auf nationaler und europäischer Ebene reibungslos zusammenwirken. Vorratshaltung allein kann daher keine dauerhafte Stabilität gewährleisten.
Zudem handelt es sich bei den bestehenden Maßnahmen um nationale Lagerbestände, nicht um ein europäisch koordiniertes System. Langfristig könnte daher eine stärker abgestimmte europäische Lösung sinnvoll sein, um Lieferketten robuster zu gestalten und die Arzneimittelversorgung nachhaltiger abzusichern. Nationale Einlagerung verbessert die Situation kurzfristig – eine dauerhafte Stabilisierung erfordert jedoch strukturelle Maßnahmen auf europäischer Ebene.
Österreich als Schlüsselstandort
Warum investieren wir massiv in den Standort Österreich, während andere abwandern? Weil Österreich ideale Voraussetzungen bietet.Wir haben hier die seltene Kombination aus regulatorischer Stabilität, exzellent ausgebildeten Fachkräften und einer zentralen Lage in Europa.
Unsere neue 7.800 m² große Anlage ist ein Statement für diesen Standort. Hier geht es nicht nur um Kapazität, sondern um Intelligenz. Wir setzen auf modulare Linienführung. Das ist die technische Antwort auf die wirtschaftlichen Herausforderungen. Durch Automatisierung und schnelle Formatwechsel können wir die höheren Lohnnebenkosten in Österreich kompensieren. Wir machen den Standort durch Technologie wettbewerbsfähig.
FAQ: Versorgungssicherheit & Standort
- Warum ist die Sekundärverpackung so wichtig für die Versorgungssicherheit? Sie ist der letzte Schritt vor dem Patienten. Ohne die richtige Verpackung, Serialisierung und Kennzeichnung darf kein Medikament auf den Markt. Lokale Kapazitäten verkürzen hier die „Time-to-Market“ massiv.
- Wie gleicht Complex Pharmaceuticals die hohen Kosten in Österreich aus? Durch einen hohen Grad an Automatisierung, Digitalisierung der Prozesse und eine modulare Anlagenarchitektur, die Stillstandzeiten minimiert.
- Was bedeutet „Versorgungssouveränität“ konkret für den Patienten? Dass Arzneimittel in Europa produziert, geprüft und sekundär hergestellt werden, damit sie unabhängig von globalen Krisen jederzeit in der Apotheke verfügbar sind.
